Mittwoch, 2. September 2020

Wahnsinn in Deutschland

Irgendwie hat dieses Land einen Hang zur Unverhältnismäßigkeit. Ein Lappen, den man zum Einkaufen aufsetzen muss, mobilisiert 40.000 Menschen. Für einen Lappen laufen sie Hand in Hand mit Nazis. Sie sind vermutlich versichert gegen Gefahren, von denen man nicht wusste, dass sie existieren, und fühlen sie sich von einem Lappen und einem Lockdown, den es für Privatpersonen nie gab, in ihrer Freiheit eingeschränkt. „Lieber sterben, als ein Leben in Angst“, sagen die Weltmeister der Sicherheit. Doch ja, das macht mir Angst.

Weitere Gedanken zu #b2908

Also, wir üben das jetzt mal: Sagen Sie zehnmal hintereinander den Satz „Seit 1990 haben Rechtsextreme in Deutschland 208 Menschen umgebracht", ohne dabei das Wort „linksextrem“ im selben Atemzug zu nennen.

Und noch eine kleine Anregung für die Phantasie: Wären die rot-weiß-schwarzen Flaggen am vergangenen Samstag das gewesen, was sie gerne wären, hätten wir ein Meer an Hakenkreuzflaggen gehabt. #b2908

(ich folge bei den Toten der Zahl der Amadeu-Antonio-Stiftung)

Montag, 11. Mai 2020

Ungeordnete Gedanken über die verschwörerische Mitte (reden wir mal über Analogien)


Wenn derzeit von der gesellschaftlichen Mitte die Rede ist, die sich auf den „Hygienedemos“ von Rechtextremen vereinnahmen lasse, stutze ich. Wenn das die Mitte ist, die sich bereitwillig aberwitzigen, völlig kruden, wissenschaftsfeindlichen, antisemitischen Thesen hingibt, dann haben wir ein Problem mit der Mitte. Ich sehe mir die Videos im Netz an, die Gesichter derer, die interviewt werden und die sich über die Einschränkung ihrer Grundrechte, ihrer (Impf- und Einkaufs-)Freiheit durch den bösen Staat empören: Und ich kann nicht umhin, ich sehe in diesen Gesichter die beleidigten Gesichter ihrer (in der einen oder anderen Form) Nazi-Eltern-, Groß- oder inzwischen Urgroßeltern, die sich nach 1945 betrogen fühlten, weil sei den Krieg entgegen aller Versprechungen nun doch verloren hatten, die sich ungerecht behandelt fühlten, weil sie doch auch gelitten hatten und nur eines wollten: die größten Opfer sein, nur um sich nicht damit auseinandersetzen zu müssen, dass sie Täter gewesen waren. Die auch lieber nirgendwo hin schauten, nicht in die Länder, die sie bombardiert, ausgeplündert oder ausgehungert hatten und denen es nach dem Krieg nun auch nicht gerade gut ging, und vor allem nicht auf den industriellen Massenmord, der heute als Shoah bezeichnet wird und dessen Rädchen oder Triebwerke sie gewesen waren. Die Demokratie (in der Brd) empfanden sie als auferzwungen, arrangierten sich irgendwann mir ihr, weil sie ihnen Wohlstand brachte. Den Sozialismus wohl ebenso, und wenn der zwar keinen Wohlstand im Sinne der Brd brachte, so doch immer eine offizielle „Entlastung“, auf der richtigen Seite gestanden zu haben (auch wenn das für die meisten Familien vermutlich eher nicht der Fall gewesen war). 
Heute wie damals: Viel Gefühltes, wenig Fakten, bzw. deren Leugnung.
Und ich weiß ja: Ab dem 9.5.1945 die Bemühungen, den NS und die Shoah zu relativieren oder zu negieren nie abgerissen – trotzdem muss ich schlucken, dass in 2020 so laut und hörbar die Corona-Maßnahmen mit dem Ermächtigungsgesetz verglichen werden, die Zeit nach Corona mit der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, Mengele und „Menschenexperimente“ und „Rassegesetze“ in Analogie zur heutigen Situation gesetzt, ja, sogar Armbinden mit gelben Sterne getragen werden!!!! (Mir lässt schon das Wort „Hygiene“ die Haare zu Berge stehen) Ganz zu schweigen von dem klassisch verschwörungsideologischen Topos der „jüdischen Weltverschwörung“, nach dessen Muster sich der Bill-Gates-Hass manifestiert … Der Boden, auf dem sich die Mitte bewegt, ist offenbar immer noch so fruchtbar, dass diese „Reflexe“ in dieser Krisensituation sofort abrufbar sind … also fest verankert sind im kollektiven Gedächtnis und den einzelnen Körpern. Uff, das soll die Mitte sein? Und, reden wir mal über Analogien – sie wollen vermeintlich staatskritisch sein, laufen aber jemandem hinterher, der ein „Reich des Lichts“ gründen will??? Klingelt da nicht was in den Ohren? … wtf.

Donnerstag, 23. April 2020

Deutschland, unverwundbar

Ich erinnere mich an Diskussionen vor langer, langer Zeit, da war die Rede davon, dass langsame Öffnungen von systematischen Testungen auf Covid und einem systematischen Rückverfolgen von Ansteckungsketten begleitet werden sollte. Habe ich etwas überhört, oder ist davon wirklich nicht mehr die Rede? Ich bin nicht scharf auf Tracking-Apps, aber wir, die wir den ganzen Tag mit eingeschaltetem GPS herumlaufen, sind auch jetzt schon nicht wirklich nicht getrackt … Wie dem auch sei. Ich bin extrem verwirrt. Es ist wie das schöne physikalische Gesetz (wie hieß das nochmal?): Lockerungen auf der einen Seite müssten, damit es funktioniert, mit einer viel strengeren Einhaltung der Kontaktsperre auf der anderen Seite einhergehen. Lockerung auf beiden Seiten heißt: Wir werden die langen Sommernächte beim zweiten, diesmal ernsthaften Lockdown eingesperrt verbringen (siehe F, ES, IT). (Ein Euphemismus für exponentielles Anwachsen der Ansteckungsfälle und, ja, derer, die daran sterben.) Und die Schulen (wirklich keine Frage, bei der es ein einfaches Ja oder Nein gibt), aber: Man hätte sagen können, okay, die schwarze Null, die ja erstmal für die Schulmisere verantwortlich ist, ist eh gekippt, jetzt stecken wir richtig Geld rein: technologische Ausstattung, Hygiene, Fortbildungen im Fernunterricht … Wenn schon nicht für jetzt, dann für die Zukunft. Und ein bisschen schon für jetzt. Nein. Es wird geöffnet, ohne ernsthafte Maßnahmen ergriffen zu haben, und es wird einfach so weitergehen mit der Schulmisere. Bloß nicht am System rütteln. Massenhaft Tests? Zu teuer, sagen Sie? Unter dem Strich wird das, was jetzt kommt, wesentlich teurer werden. Mir kommt es vor, als wäre man vom eingeschlagenen Weg des trial & error einfach auf den Weg „try the worst thing, although you know it better“ abgebogen. Wahrscheinlich denkt Deutschland immer noch, es sei unverwundbar.

Sonntag, 19. April 2020

Lock-down, Lock-erung, Lock-down

Die trompe l'oeil-Maler gefälschter Corona-Kurven haben gerade Hochkonjunktur. Sie behaupten, dass die Übertragungsrate schon vor dem Lockdown unter 1 gewesen sei, oder spätestens Ende Mai bei null landen werde. Schwindelerregend. Ich hoffe, ich irre mich, aber gerade sehe ich den nächsten Lockdown im Juni kommen, und es wird kein Lockdown light sein, wie wir ihn hatten. Ich hoffe, es wird noch einmal sehr klar gesagt werden, dass "Lockerung" heißt, genau so weiter auf Distanz zu bleiben. Dass sich im Grunde nichts ändert, außer dass ich mir ein T-Shirt kaufen kann. Es gibt schon Vorschläge, die unterschiedlichen Lockdowns zu benennen, Laschert-Lockdown, Lindner-Lockdown. Vor lauter "l" komme ich mir vor, als hätte ich getrunken. Zuhause am Küchentisch, leider.

Donnerstag, 16. April 2020

Fundiertes Halbwissen


Wenn ich mein fundiertes Halbwissen zusammenkratze und daraus Schlüsse ziehe, ist es letztlich egal, ob ab dem 3.5. wieder dieses oder jenes erlaubt sein wird. Und wenn es gar keine Beschränkungen mehr gäbe, ginge es doch weiterhin darum, eine Pandemie einzudämmen. Merkel hat es gestern ganz gut auf den Punkt gebracht (ja, das aus meiner Feder): Eine Person „darf“ nicht mehr als eine Person infizieren, sonst kollabiert das Gesundheitssystem früher oder später. Das heißt: Solange es keinen Impfstoff gibt, wird es keine unbekümmerte Nähe mehr geben. Mit viel Glück noch 1,5 Jahre. Oder länger. Massenhaft verfügbare, erschwingliche und verlässliche Coronatests und Antikörpertest könnten das etwas einfacher machen, aber sie müssten so massenhaft verfügbar und erschwinglich sein, dass sich jede·r sowohl auf eine Infektion, als auch auf eine überstandene Infektion 14-tägig testen könnte/müsste. Wie wahrscheinlich ist das? Ich lasse mich gerne von fundiertem Ganzwissen widerlegen.