Ich kann nicht anders, als anzunehmen, die europäischen Regierungen
hätten Italien bewusst hängen lassen mit der Rettung von Flüchtlingen auf dem
Mittelmeer. Mehr noch: Sie lassen es drauf ankommen, es ist ihnen sogar recht,
wenn Flüchtlinge ertrinken. Die kommen dann wenigsten nicht mehr nach Europa.
Entsorgung des Problems. Gibt es eine Bezeichnung dafür? Fahrlässige Tötung? Banken
retten, dafür reicht es dann schon mal, aber für ein Projekt wie Mare Nostrum ist
kein Kleingeld mehr da (hier ein Artikel von Pro Asyl dazu). Ich bin polemisch,
ich weiß, bin gar pathetisch, aber an diesem Punkt finde ich keine anderen
Worte mehr.
Sonntag, 19. April 2015
Samstag, 28. März 2015
Schnuller und Smartphone
Gestern, einundzwanzig Uhr in der Kneipe: Ein Kinderwagen,
darin ein Kind, höchstens zweieinhalb, im Mund ein Schnuller und in der Hand … ein
Smartphone, das es mit diesem professionellen Fingerwisch betätigte, als hätte
es nie etwas anderes getan (hat es wahrscheinlich nicht). Abgesehen davon, dass
mir in diesem speziellen Fall schien, das Kind sei abgestellt und beschäftigt,
damit Papi in die Kneipe kann (Mami hat das Kind später geholt), war das ein
extrem irritierendes Bild. So als hätte man einen Erwachsenen auf Babyformat geschrumpft
(der Schnuller!!!! wäre wenigstens der Schnuller nicht gewesen!). Oder als handelte
es sich um eine Collage aus zwei nicht zusammengehörenden Welten. Gab es nicht
einmal eine Werbung, in der bekannte Gesichter „verkleinkindet“ wurden?
Bekanntlich ist Kindheit ein Konzept, das recht jung und an
einen gewissen Wohlstand gebunden ist. Wie es aussieht, geht die Bewegung in den
hiesigen Breitengraden gerade wieder in die andere Richtung. Mit zwei das Smartphone,
mit drei Chinesisch, mit vier autogenes Training, und spätestens mit sechs fit
für den Arbeitsmarkt!
Freitag, 13. März 2015
Lyrikleseprognosen
Ich freue ich sehr, dass der diesjährige Preis der Leipziger Buchmesse an Jan Wagner geht und gratuliere! … Aber ein wenig skeptisch bin ich dann doch ob der
enthusiastischen Lyrikleseprognosen. All die wichtigen Leute, die jetzt sagen, sie freuten sich,
dass nun endlich Lyrik zum Zug käme, klingen so, als meinten sie die anderen,
als nähmen sie sich selbst davon aus, zukünftig mehr Lyrik zu lesen. Und ich
frage mich, wer von all den wichtigen Leuten Lyrik liest, schon vor gestern
Lyrik gelesen hat, wer von ihnen sich, bevor sie vor die Kamera oder das Mikro
traten, je Gedanken darüber gemacht hat, wie es um die Lyrik auf dem Buchmarkt
steht. Mir kommt es vor, als schauten sie kopfschüttelnd über einen Zaun, über
den sie vorher nie geschaut haben und hinter dem sie üble, bedauernswerte
Zustände erblicken, und dann schauen sie zum Horizont, wo sie ein amorphe Masse
zukünftiger Lyrikleser vermuten, nicken zuversichtlich und verlassen den Ort
des Geschehens …
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