Samstag, 24. August 2013

rechts fischen gehen



Eine Wittenauer Eigentümergemeinschaft lässt anwaltlich einen Spielplatz sperren, damit syrische Kinder aus dem angrenzenden Flüchtlingsheim ihn nicht benutzen. (Die Kinder der Eigentümer werden nach dem Abitur eine von MamiPapi finanzierte Weltreise unternehmen, weil sie ihren Horizont erweitern wollen).

Herr Friedrich spricht von einer Besorgnis erregenden Zahl Flüchtlinge in Deutschland. Stimmt, es ist Besorgnis erregend, dass so viele Menschen auf der Welt ihr Zuhause fluchtartig verlassen müssen. Schaut man sich die Zahl der Flüchtlinge an, die in den an Syrien angrenzenden Ländern aufgenommen werden (nur um beim Beispiel Syrien zu bleiben), so mutet die Zahl von 5000 syrischen Flüchtlingen, die laut Friedrich aufgenommen werden könnten, angesichts der über zwei Millionen Flüchtlinge, die in die Nachbarländer Syriens geflohen sind, geradezu lächerlich an. Angesichts der weltweit fast 9 Mio. Flüchtlinge (für 2012 laut Pro Asyl) ist es obszön und menschenverachtend, bei geschätzten(!) 100.000 Anträge in Deutschland für 2013 (von denen die Hälfte vermutlich abgelehnt wird) von Besorgnis zu reden. Wahrlich keine neuen Einsichten, trotzdem fachen Biedermänner und Hetzer wie Friedrich Feuer an ultrarechten Rändern und – längst wieder (?)  – Zentren an. Auf Stimmenfang gehen, nennt man das in Wahlkampfzeiten wohl ...

Donnerstag, 22. August 2013

Es ist da!


oder wie heißt diese interplanetare Luft
Gedichte
dtv premium
München 2013
www.dtv.de



























Das Klirren eines Glascontainers am Samstagnachmittag, eine nächtliche Fahrt mit der Straßenbahn, ein Wecker, ein Giebel - in Odile Kennels Gedichten sind es die zufälligen und alltäglichen Ereignisse und Dinge, in denen die Erfahrung von Transzendenz aufblitzt, "für einen Moment, und nur weil wir es wollen." In acht Kapiteln erkundet sie in einer spielerischen Mischung aus Reflexion und Staunen unsere Existenz, scheut Themen wie Liebe und Sterben nicht, lässt aber auch Taschendiebe, Meteorologen oder Waldrappe auftreten. Es sind Texte, die mal erzählend, mal sprachverspielt daherkommen, immer aber getrieben sind von Rhythmus und Klang. Ihre Gedichte eröffnen einen immer wieder überraschenden, frischen Blick auf unsere Gegenwart – wach und voll einprägsamer Beobachtungen.

Aktuelle Lesungen finden Sie unter "In eigener Sache" auf diesem Blog! 

Donnerstag, 1. August 2013

Im Westen nichts Neues



In der Schlange in der Bar Jeder Vernunft, hinter mir, eine Frau: „Vorher haben wir in Hamburg gewohnt, aber ich habe auch schon in Frankfurt, München, Köln gewohnt, also alles in Deutschland außer Berlin.“
(2000)

In der S-Bahn zwei junge Frauen, Landeshauptstadtraten
(die eine offenbar aus Berlin, die andere zu Besuch):
- Was ist die Hauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern?
- Von Mecklenburg-Vorpommern? Da wohnt doch keiner. Da gibt’s doch nur Seen und Nazis.
- Und von Sachsen?
- Nee, echt jetzt, das weißt du nicht? Ist ’ne voll schöne Stadt.
- ’ne schöne Stadt? Gibt’s in Ostdeutschland schöne Städte?
(2013)

Montag, 29. Juli 2013

Digitale Gewohnheiten (2)



Auf dem Weg zum See höre ich, wie eine junge Frau (etwas über zwanzig) zu einem ebenso jungen Mann sagt: „Ach, ich muss dir noch diese abgefahrene Sage erzählen.“ Na, denke ich, in dem Alter liest man heutzutage Sagen, hätte ich nicht gedacht. Die Frau beginnt zu erzählen, in einer Detailverliebtheit, die mich irritiert, bei wem das Schwert an welcher Stelle des Körpers eindringt etc. etc. Bis ich begreife, dass sie keine gelesene Geschichte erzählt, sondern Bilder beschreibt, die sie gesehen hat, die vermeintliche Sage war ein Computerspiel oder Film … Später am See sagt eine andere, ebenso junge Frau, als sie einen Freund trifft: „Ich dachte, ich suche dich per Standort, aber nun hab ich dich ja so gefunden.“

Montag, 1. Juli 2013

Ach, echt?



Im Zug unterhalten sich ein Niederländer und eine Deutsche, beide um die 50. Sie kommen auf das deutsch-niederländische Verhältnis zu sprechen, und der Mann erklärt der Frau, warum seine Vorfahren die Deutschen gehasst hätten: „Sie haben alles plattgebombt.“
Die Frau: „Ach, echt?“ Und nach kurzem Überlegen: „Ja, ein Krieg ist immer ein Problem, das wissen wir alle.“

Montag, 17. Juni 2013

Modische Menschenrechte

Papst Franziskus hat das Parlament von Frankreich darauf hingewiesen, dass es beschlossene Gesetze -- die Gleichstellung aller Bürger in Sachen Eheschießung -- auch wieder „außer Kraft setzen“ könne. Er betonte, dass es "notwendig" sei, Gesetzestexten „eine Seele zu geben, die nicht nur die Moden und die Ideen des Augenblicks widerspiegelt“.  

Ich kann nicht anders, als daraus zu schließen: Für den Papst ist Demokratie eine Frage der Seele und die Gewährung von Bürgerrechten eine Frage der Mode.

Samstag, 15. Juni 2013

Hier spricht keiner von Plagiat



Die Rathausbrücke ist wieder offen, erstmals zu Fuß darüber, und ich frage mich, was die stilisierten Wachtürme sollen. 

Vor allem frage ich mich, wer auf die Idee kommen konnte, das Brückengeländer als in Metall gegossene Holzstammimitation zu gestalten. Holzimitat für Schlossimitat? 

An den Bauzaun der Schlossbaustelle hat jemand gesprüht: Kapitalismus ist gut für die Seele. Und ich bin mir nicht einmal sicher, ob das ironisch gemeint ist.

(In Istanbul ist Ausnahmezustand, weil tausende gegen ein restauratives Bauprojekt (und gegen so manches andere) demonstrieren. So manches andere ließe sich auch hier finden)

Aber es ist ja nichts so, dass es keinen Protest gegeben hätte oder gibt. Dies hier zum Beispiel. 
humboldt 21, Rückbau Berliner Schloss Humboldtforum.  Auch wenn ich, statt des Sprengens, für eine Ruine plädiere (das ergibt sich ganz von selbst), bereits vor Jahren plädiert habe: Und am Ende: eine Ruine.
Die Etappe mit dem Kaiser  (Berliner-Barock-21-Jh.) würde ich  allerdings gerne überspringen.


Mittwoch, 12. Juni 2013

Privatisierung des öffentlichen Raums (452) (die Vereinbarkeit von Kapitalismus und Demokratie ist nicht erwiesen (494))

In Griechenland werden öffentlich-rechtlicher Rundfunk und Fernsehen abgeschaltet (vorerst, angeblich).

Die Vereinbarkeit von Kapitalismus und Demokratie ist nicht erwiesen (493)

"Herr Draghi, Sie können doch gar nicht alles tun, um den Euro zu retten. Sie können nur tun, was Ihnen die deutsche Verfassung erlaubt. Und das würden die Märkte bestrafen."

Freitag, 7. Juni 2013

Privatisierung des öffentlichen Raums (451)

Die Berliner Wochenmärkte sollen laut heutiger Freitag-Ausgabe privatisiert werden. Es gäbe zu viele Vollzeitstellen für Marktregelung bei der Stadt. Das nennt man dann wohl Deregulierung.

Sonntag, 2. Juni 2013

Digitale Gewohnheiten (1)

Hörte heute nach langer Zeit mal wieder eine Kasette, wollte unterbrechen, um etwas im Keller zu holen und suchte verzweifelt nach dem Pausenknopf.