Montag, 17. März 2014

Stuttgarter Notizen VII

Besonders fußgängerfreundlich ist diese Bibliothek nicht. Bei meinem ersten Besuch bleibe ich am Bahnhof hängen, suche wie ein Karnickel den Ausgang, um auf den Weg zu gelangen, der, so wurde mir gesagt, am Bahnhof entlang zur neuen Stadtbibliothek führt. Irgendwann halte ich mich stur an die Richtung, in der die Bibliothek liegt, folge Schildern in Richtung S-Bahn in den Untergrund, biege im Tunnel links ab, folge dem Hinweis „Parkhaus“ die Rolltreppe hoch und gelange, wie sich herausstellt, auf den richtigen Weg. Später entdecke ich Schlupflöcher von Gleis eins aus auf diesen Weg, man müsste schon nach Hogwarts wollen, um sie ohne Vorwissen zu finden, nicht ein einziger Hinweis „zur Stadtbibliothek“ auf diesem Bahnhof (ich könnte natürlich der vierspurigen Straße folgen, die in die Nähe der Bibliothek führt, oder die U-Bahn nehmen). Der Weg am Bahnhof entlang ist so etwas wie ein Fegefeuer der Un-Architektur: himmelhohe schwarzglänzende Bürogebäude rechts und links eines schmalen Pfades, der ab und zu, grün muss sein, von Pflanzen, die so viel Lebendigkeit ausstrahlen wie die Bürogebäude selbst, gesäumt ist, und auf einem Vordach stilisierte Herbstblätter in 3D. Als Fußgänger versinkt man ins düstere Nichts, wird zu einer der kleinen Gestalten auf der Computeranimation des Gebäudes. Das ist für mich Un-Architektur: Wenn das Gebäude den Schritt hinaus in die Welt nicht geschafft hat und ich mich eher als Teil einer Computeranimation denn als Teil der Welt fühle … Dann noch vorbei an Paris imitierenden Townhouses, an einem 0815-Sparkassengebäude: Ich stehe vor der neuen Stadtbibliothek, die mein Blick, wenn ich mit dem Zug in die Stadt einfahre, immer zuerst sucht, und er kann sich nicht sattsehen, vor allem nachts, an diesem blau leuchtenden Kubus …

Entworfen wurde sie durch den südkoreanischen Architekten Eun Young Yi, und sie entschädigt mich für alle Mühen des Suchens, für das Fegefeuer der Un-Architektur:  Ich betrete einen Tempel der Bücher. Architektur ist für mich, wenn mein Körper verweilen will, wenn alle meine Sinne mehr davon möchten … Und wenn es sich dabei noch um eine öffentliche Bibliothek handelt, vor deren geschätzten 20 m2 Lyrikregal ich staunend stehe; deren fünfte, mit „Welt“ übertitelte Etage mir Rettung verheißt, sollte ich einmal den Zugang zur Welt verlieren; die Raum bietet für die unterschiedlichsten Leute und Aktivitäten inklusive Erfrischung für Menschen, die auf öffentliche Bäder angewiesen sind ... Ja, hier bin ich Mensch … usw.


Leider wird es, so fürchte ich, bald vorbei sein mit dem Blick auf die Bibliothek aus dem Zug oder von sonstwo her: Die Baustellen rund um die Bibliothek rücken ihr schon bedenklich auf den Pelz. Architektur lebt auch von den Blicken der Betrachter, was, bitte sehr, nützt es, einen tollen Architekten zu engagieren und dann rundum alles mit 0815 zu bebauen? Das erinnert mich an den Berliner Hauptbahnhof … die elegante Glasschlange, die mit hässlichen Funktionstürmen ausgestattet wurde und nun gänzlich zugebaut wird: Keine Sicht mehr von außen, keine Sicht mehr von innen. Ja, Kunst kostet Geld, man kann sie nicht haben, und trotzdem sparen wollen. Und wenn ich schon dabei bin, spreche ich hier von meinen derzeitigen Lieblingsgegenbeispiel, dem umgebauten Straßburger Bahnhof (Johann Eduard Jacobsthal für das 19.Jh/ Jean-Marie Duthilleul fürs 21. Jh): Wie ein gestrandeter Wal aus Glas liegt er da, spiegelt die Gebäude rund um den Platz, lässt aber auch die inneren Gebäude durchschimmern wie durch Transparentpapier: Und er darf atmen, der Bahnhof, darf sich den Blicken hingeben …





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