Sonntag, 5. Januar 2014

Stuttgarter Notizen I

Wer nicht an einem Samstagmorgen die Königstraße entlang spaziert ist, hat keine Ahnung, was „Konsumgesellschaft“ bedeutet. Hier versammeln sich alle Marken, teure, billige, das ist Demokratie im Konsum, hier treffen sich alle, um einzukaufen, und Fußgängerzonen wurden einzig und allein deshalb geschaffen: um Konsum zu bündeln. Zu jeder Fußgängerzone gehören Parkhäuser, oder ein Konzept für den öffentlichen Verkehr, was nicht im Interesse der Autohersteller ist und deshalb nur halbherzig umgesetzt wird.

Hier treffen sich alle, auch diejenigen, die aus dem System herausgefallen sind und gar nicht einkaufen können, es gibt viele Arme, vor allem alte Leute, wie sehr klafft die Schere in der Landeshauptstadt auseinander?

Inmitten der Menschenmasse eine Gruppe Sternsinger, die Spenden sammeln und eine Spur Weihrauch hinter sich herzieht.

Kann man in Stuttgart Gedichte schreiben? Wie sehr beeinflusst ein Ort die Art, in der man Texte schreibt? Ich werde hier am Charlottenplatz laute Gedichte schreiben müssen.

Sonntagmorgen, ich gehe durch den oberen Schlossgarten zum Bahnhof und erinnere mich, dass ich hier ungefähr 1993 mit P. nachts plakatiert habe, weiße handgedruckte Unikate mit der Aufschrift „Kunst von weißen Männern“, wir haben sie an die  Staatsgalerie gekleistert und an die Wände unter den Arkaden des Kunstgebäudes, alles hat sich sehr genau eingeprägt, alles steht noch wie damals da, nur dass jemand das Licht angeknipst hat.

Sonst war ich kaum je in Stuttgart, ich verbringe drei Monate in einer fast unbekannten Stadt, das ruft Glücksgefühle hervor, diese Anonymität, diese Freiheit, ein (nun ja, nicht ganz) unbeschriebenes Blatt zu sein, die man sonst nicht hat und überall nur kurz. Ja, allen Unkenrufen zum Trotz ist Stuttgart eine Großstadt, was, so vermute ich, an der Anwesenheit von Museen, Kinos, Theatern, Literaturorten liegt, an den Exponaten moderner Architektur, hier hört Nationalität auf und beginnt Internationalität, das gibt mir ein Gefühl von zuhause.

„There is only one use for a small town: you hate it and you have to leave“ (Lou Reed)

Das Glockenspiel des Rathauses klingt herüber und kämpft gegen das Dröhnen des Verkehrs an.

Sonntagnachmittag wird geheiratet. Die hupenden Korsos stauen sich am Charlottenplatz. Wer ist auf die Idee gekommen, Verkehrsknotenpunkte als „Platz“ zu bezeichnen, gibt es da nicht so etwas wie denkmalgeschützte Begriffe, place appellation d’origine controlée, ein Platz ist ein Platz zum Verweilen, sonst ist er kein Platz.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen