Freitag, 8. März 2013

Hausacher Tagebuch 3: Schwarzwälder Berlinerisch



Es gibt im Berlinerischen eine grammatikalische  Konstruktion, die ich „Berliner erweiterter Infinitiv mit zu“ nenne: Statt zu sagen „ich hab da noch ein Buch auf dem Nachtisch liegen“, sagt man, „ich hab da noch ein Buch auf dem Nachttisch zu liegen“. Die Erweiterung betrifft Verben, die einen Zustand beschreiben: liegen, sitzen, stehen, kleben, hängen … Neulich erwischte ich mich dabei, wie ich sagte: „Villicht hosch ja noch so ebbes im Keller zu stehe“.  Badisches Berlinerisch oder Berliner Badisch? Ich bin mit drei Sprachen aufgewachsen, mit Französisch, süddeutschem Hochdeutsch und Badisch. In meinem Berliner Alltag spreche ich ein  süddeutsch grundiertes Hochdeutsch mit deutlichen Berliner Einschlägen; „süddeutsch grundiert“ meint in meinem Fall, ich bestehe darauf, Brille und Hut, Uhr und Schal wie einen Mantel anzuziehen, und nicht, wie meine  (Urberliner) Freundin aufzusetzen und umzubinden. Zu saurem Sprudel Mineralwasser zu sagen, widerstrebt mir immer noch, ich binde mir die Schuhbändel und nicht die Schnürsenkel und habe lange gebraucht, um zur Mücke Fliege und zur Schnake Mücke zu sagen. Seit ich hier bin, hat meine Sprache wieder einen merklich badischen Singsang angenommen. Spreche ich mit Berlinern,  wechsle ich wieder zu meinem Berliner Alltagsdeutsch. Das erinnert mich an meine Kindheit, wo ich in der Lage war, mehrmals in einem Satz von Badisch zu Hochdeutsch „umzuschalten“,  wenn ich mich abwechselnd an meinen Vater und an eine Freundin wandte.  Meine Schwester, die in Rheinland-Pfalz lebt, hat vor vielen Jahren ein badisches Wörterbuch angelegt, damit bestimmte Wörter, die man außerhalb des Badischen nie verwendet, nicht in persönliche Vergessenheit geraten. Das Wörterbuch ist seither von uns beiden ergänzt worden und hat mir schon gute Dienste geleistet, zum Beispiel, als ich einige Gedichte des brasilianischen Dichters Douglas Diegues, der in einer portugiesisch-spanischen Mischsprache schreibt, ins Badisch-Hochdeutsche übertrug. Hier ein kleines Beispiel: Viecher die Profit abwerfen/Viecher wo keiner ebbes davon hett/Viecher die Blüten bekommen/Viecher wo net blühe//Viecher wo ondre Viecher uffresse/Viecher die hochvornehm sind oder tierisch/Viecher aus Mist und Mysterium/Viecher uffm Acker und vun dert obbe//Viecher die erotisch sind oder paranoid/Viecher wo ma halt kennt oder wo exotisch sinn/Viecher die Milch geben/Viecher die gibt's gar net//kennt fascht ein Stück von sellem berühmten Ionesco sein/Viecher dass kein Viech ebbes zum Bruddle hett. „Bruddle“ – was für ein lautmalerisches Wort! Man hat sogleich eine schlecht gelaunte, vor sich hinschimpfende Person vor Augen. Weitere Lieblingswörter, die, höre ich sie nach langer Zeit erstmals wieder, mich entzücken, sind: wunderfitzig, lätzrum, bollig, bimmle, bressiere, lupfe, lange, stupfelig, schnipfle, nuffzus, Spinnehuddle. Abber verstehn mi bitte net falsch: Berlinerisch, ick liebe dir, nur könnte es sein, dass ich nach drei Monaten Hausach zurückkehre und etwas sage wie: Na, dit war ja wieda een wunderfitziger Fatzke, und dann hat der die janze Zeit jebruddelt, weil’s ihm pressiert hat … Irjendwie ham die Schuhbändel nich jepasst, warn uust bollig, da haick de Füße in de Schuhe nich mehr jelupft jekriegt … Sind wa ehmt barfuß nuffzus jeloofen uf det stupfelige Gras, dit hatten se wohl nich jeschnipfelt, und am Ende, saick ma, hatten wa allet mit Spinnhuddeln vollzuhängen … (Erschienen am 7.3.2013 im Offenburger Tagblatt)


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