Dienstag, 5. März 2013

Hausacher Tagebuch 1, Ankunft

 

Über Hausach schreiben -- aber wo anfangen, wenn ich doch im vergangenen Sommer schon auf dem Leselenz war und bei meiner Abfahrt den Eindruck hatte, bereits angekommen zu sein? Wenn Hausach so etwas wie ein „Heimspiel“ ist? Ich bin sechzig Kilometer nördlich, bei Achern, großgeworden, sage „dreiviertel Drei“ (wie übrigens auch die Berliner) und kann mich problemlos am Tsischdi oder Dunschdi verabreden, wobei es mit der schriftlichen Umsetzung hapert, denn Badisch war für mich die Drittsprache, die Sprache der Nachbarn, Klassenkameraden und Freunde, die zu schreiben mir nie in den Sinn gekommen wäre. „Nichts, was nicht ausgesprochen wird, wird notiert“, sagt José Oliver, kein „ie“ also, kein silbenverlängerndes „h“. Wo also anfangen, wenn ich beim Leselenz gewarnt wurde, Hausach sei nicht immer so, und ich nun, vorauseilend mit Blick auf die Fasent, wiederum hören musste: Hausach ist nicht immer so. Aber wie ist Hausach dann? Dieser Frage auf den Grund zu gehen, werde ich drei Monate Zeit haben, und das könnte ein guter Anfang sein, wenn ich nicht davon überzeugt wäre, dass nichts ist, wie es ist, und die Menschen und Dinge, will man sie ein für alle Mal deuten, entschlüpfen. Versuche ich es also mit der Ankunft als Anfang, beuge mich der Chronologie, die keine Chronik werden soll, beginne, wie schon weit bekanntere Persönlichkeiten vor mir, mit dem Licht, das es in Hausach genausowenig gibt, wie in Berlin ­– gemeint ist wohlgemerkt und vorerst das himmlische Licht, das sich diesen Winter nicht zeigen will, weder hier noch dort. Es dämmert, als ich am ersten Februar am Hausacher Bahnhof ankomme, und es sieht so aus, als hätte es den ganzen Tag nichts anderes getan außer schummern und schütten. José hat am Telefon gesagt, „wir holen dich ab“ – dass „wir“ allerdings eine Delegation von vier Hausachern bedeuten könnte, hätte ich mir nicht träumen lassen: José, Miloud und der Bürgermeister und seine Frau, Herr und Frau Wöhrle, stehen auf dem Bahnsteig zu meiner Begrüßung, was, wie sich herausstellt, zwar dem Zufall geschuldet, aber dennoch eine schöne Überraschung ist. José und Miloud fahren mich zum Moolerhiisli, in das ich im Sommer schon einen Blick hatte werfen dürfen, und wir verabreden uns für später, das heißt, für in Kürze, denn Hausach ist eben doch so, und die Fasent ruft, wenn auch nicht die eigentliche, sondern die der Sulzbachhexen – doch als ich gerade aufbrechen will, fällt mit einem charakteristischen „Klack“ der Strom aus. Soviel zum irdischen Licht, denke ich und muss kichern ob der surrealen Situation und weil ich beim Einräumen schon Kerzen lokalisiert habe, nicht aber Streichhölzer. Mit der Taschentelefonlampe suche ich Schuhe, Anorak und Geldbeutel zusammen (der in Norddeutschland Geldbörse heißt und in Berlin Portemonnaie) und breche auf, hoffend, dass mich später eine hell erleuchtete Wohnung erwarten wird. Was sie auch tut, später, um zwei Uhr nachts, und ich bin kaum zuhause, da klopft es an der Tür. „Wer da?“, rufe ich, und komme mir vor wie im Hörspiel (sagt irgendjemand im echten Leben „wer da“?). „Die Polizei“, antwortet es, und ich kichere wieder, denke, die Hausacher, die haben wirklich Humor. „Die Polizei hat um diese Zeit hier nichts zu suchen“, sage ich, doch der Mann draußen insistiert und ich öffne belustigt die Tür, registriere, dass ich im „echten Leben“ niemandem Unbekanntem um zwei Uhr nachts einfach so die Tür öffnen würde, in Hausach aber schon, und vor der Tür steht tatsächlich ein Polizist, schaut genauso verdutzt wie ich und stammelt: „Ha, mir hän gdenkt, s Moolerhiisli, hell erleuchtet, nachts um zwei, gucke ma lieber mol nochm Rächte. Stadtschreiberin, alles klar, sehe se, mir passe guet uff Sie uff!“ Womit ich beim Ende meiner Ankunft in Hausach angekommen wäre, die schon viel länger angefangen hat, letzten Sommer oder vor vielen Jahren, als ich mit einer Freundin, deren Mutter Hornbergerin ist, mehrmals durchs Kinzigtal radelte: Der rote Faden wird immer erst im Nachhinein aus unterschiedlichen Stücken zusammengeknüpft … Abba des isch doch am End als grad egal!
(Erschienen am 7.2. 2013 im Offenburger Tagblatt)

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