Donnerstag, 11. Oktober 2012

Stellen der Schrift in deutscher Sprache nach



Auf der Lesung am vergangenen Samstagabend im Rahmen der Veranstaltung fernsprechende in der Lettrétage fragte der Moderator Jörg Sundermeier Maria Cecilia Barbetta, Artur Becker und Yulia Marfutova: Würdet ihr gern als deutsche Schriftsteller bezeichnet werden?
Kluge Frage, kluge Antwort der Befragten: Wir verstehen uns als Schriftsteller deutscher Sprache.

Denn darum geht es: um die Sprache, in der man seine Texte verfasst, als kleinstem (großen) gemeinsamen Nenner. Einen anderen gibt es nicht. Es geht natürlich auch um Form, um Inhalt, beides bekanntlich nicht von Sprache zu trennen, so wenig wie Biographie von Sprache, Form, Inhalt zu trennen ist. Ein Begriff wie „Migrantenliteratur“ suggeriert jedoch, es gäbe an und in den darunter gefassten Texten etwas, das sie nicht nur von anderen unterschiede, sondern auch untereinander unverkennbar verbände. Gibt es einen gemeinsamen Nenner außer der Verwendung der deutschen Sprache bei der Literatur von Deutschdeutschen?

Die beschworene Gemeinsamkeit bezieht sich auf gesellschaftliche Aspekte, die zunächst einmal außerhalb der Literatur liegen. Schnell landet man bei Kategorien wie Frauen-, Lesben-, Schwulen-, Transgender-, Anders-Befähigten-, Neue Bundesländer-, jüdische Literatur, Kategorien, die sich mit einfachen Fragen ad absurdum führen lassen: „Wenn ich als Lesbe über jemand heterosexuelles schreibe, ist das dann noch Lesbenliteratur?“ „Wenn ich als jüdischer Schwuler schreibe, ist das dann jüdische Literatur oder Schwulenliteratur?“

Welche Kriterien müssen für das „Label“ Migrantenliteratur erfüllt sein? Muss man außerhalb von Deutschland geboren sein? Gibt es ein Mindestalter, in dem man frühestens die deutsche Sprache erworben haben darf? Spielt es eine Rolle, ob man seine Muttersprache überhaupt mehr als radebrechend spricht? Ob der Vater Ausländer ist oder die Mutter, oder beide? Und, Deutschland ist nicht gleich Deutschland, ob man aus Ost- oder Westdeutschland kommt? Was ist mit einer eingewanderten Österreicherin, einem eingewanderten Schweizer deutscher Sprache?

Schreibe ich Migrantenliteratur? Meine erste Muttersprache ist nicht deutsch, ich habe auf Französisch sprechen und lesen gelernt; ich bin mit und zwischen zwei Kulturen und Sprachen aufgewachsen, und das spielt in meinen Texten oft eine Rolle; meine Mutter ist Ausländerin (und ging in der brd der 60er Jahre ausschließlich in den damals noch seltenen Supermärkten einkaufen, nur um nicht sprechen zu müssen und als Ausländerin aufzufallen). Ja, mir ist manches in diesem Land fremd (wie anderen auch, wie an anderen Ländern auch), ich fühle mich manchmal fremd ­– aber ich bin in Deutschland zu Schule gegangen, bin auf den ersten Blick nicht zu unterscheiden von Deutschdeutschen, komme aus einem bücher-, vorlese-, lesebegeisterten Haushalt, mit anderen Worten: Ich hatte alle Privilegien, die mir ein gute Bildung ermöglichten. Was gern als kultureller Unterschied beschworen wird, ist meist eine Frage der Privilegien (die man auch „Zugang zu Menschenrechten“ nennen könnte, nur dass diese eben nicht für alle gelten). Jemand aus einem „bildungsfernen“ deutschdeutschen Haushalt (Bildung als ferne Insel) wird es schwerer haben, Schriftsteller deutscher Sprache zu werden, als jemand mit aus deutscher Sicht „ausländischen“ Eltern aus einem literaturbegeisterten Haushalt.

Dies steht neben der Tatsache, dass es im alltäglichen Leben sehr wohl einen Unterschied macht, ob ich einen deutschen Pass besitze oder nicht, ob mein Aussehen dem Bild entspricht, das in dieser Gesellschaft als „deutsch“ betrachtet wird, und ja, man traut in diesem Land Nicht-Muttersprachlern nicht wirklich zu, einen „ordentlichen“ deutschen Text zu verfassen … Mit anderen Worten, diese Gesellschaft (sagen wir: die Welt) ist eine hierarchische, und das tückische an „Labeln“ (gern auch „Identität“ genannt) ist ja, dass sie einerseits Bewusstsein für diese Hierarchien schaffen wollen und können, dass sie sie aber zugleich zementieren.

Wie wäre es, wenn Kritiker die zu besprechenden Texte ohne Namen, Photo oder biographische Daten bzgl. Herkunft, Muttersprache, Geschlecht (u.a.) erhielten? Und einfach nur schrieben: Schriftsteller deutscher Sprache? Schriftstellende deutscher Sprache? (Aber dies ist wiederum eine andere Diskussion …) Stellen der Schrift in deutscher Sprache nach?








1 Kommentar: