Mittwoch, 1. Februar 2012

Eine Linie fürs Leben

Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass ich eines Tages facebook verteidigen würde. Nein, nicht verteidigen, aber mich nicht auf die Seite der Kritiker schlagen würde, sofern hier von Seite die Rede sein kann, Äpp wird das ja heute genannt, ein Äpp namens Timeline. Ich verstehe einfach nicht die Aufregung um diese so genannte Neuerung auf Facebook. Ein Angriff auf die Privatsphäre, heißt es, als ob irgendetwas an Facebook bisher privat gewesen sei, zumal, wenn man von den 570 Facebook-Freunden 25 persönlich kennt. Als ob irgendetwas im Netz privat sein könnte. Das ist wahrscheinlich das zugrunde liegende Missverständnis: Niemand stellt etwas ins Netz, damit es privat bleibt. Privat ist ein Notizbuch, ein Brief, vielleicht noch eine an eine bestimmte Person gerichtete Mail – jedes dieser Medien kann jedoch auch unfreiwillig öffentlich gemacht werden, insofern hat man sich schon immer überlegen müssen, was man aufschreibt und somit preisgibt, und was nicht. Es ist in meinen Augen (die vielleicht etwas altmodisch sind) ungeheuer peinlich, was Facebook-Nutzer manchmal ins Netz stellen (ich rede hier von erwachsenen Nutzern, bei Kindern und Jugendlichen ist das noch einmal eine andere Diskussion), und dies hier ist ein weiteres Missverständnis: Facebook ist kein Abend mit besten Freunden in der Kneipe, an dessen Folgemorgen man lieber nicht wissen will, was man zu fortgeschrittener Stunde über sich preisgegeben hat. Das Gute an der Kneipe ist, dass die anderen das auch nicht mehr so genau wissen; das zumindest Bedenkenswerte an Facebook oder jeder anderen Form der (mittels des Alphabets oder vergleichbarer Hilfsmittel festgehaltenen) Öffentlichkeit, ist, dass jeder es nachlesen kann – jetzt schon. Es wird um des Gelesenwerdens Willen bei Facebook so getan, als seien geschriebene Worte Mündlichkeit. Und was die Preisgabe von Informationen angeht: Jeder hat das Leben gelebt, das er vorgibt gelebt zu haben. Warum geben die meisten Facebooknutzer brav ihr Geburtsdatum, ihren Geburtsort, ihren Beruf an? Ein Reflex aus der analogen Welt? Eitelkeit? Mangel an Spieltrieb? Wenn Timeline am Ende Hyperrealität wäre (ist), was hätten Werbeplaner und wer auch immer sich dieser Funktion bedient dann noch davon? Warum erfindet der gläserne Mensch nicht seine eigene Transparenz? Und was heißt hier „zwingen“: Niemand wird gezwungen, facebook zu benutzen, niemand wird gezwungen, Informationen preiszugeben. Und wenn Timeline ohne bestimmte Basisinformationen nicht auszukommen meint, bleibt immer noch der Austritt (ist ein Facebook-Austritt möglich? Zumindest kann mein sein Konto unsichtbar machen und es nicht weiter benutzen). Wie wäre es mit einem massenhaften Austritt? Das wäre doch mal etwas: Facebook, berühmt dafür, nicht unbeteiligt am Ausbruch diverser Revolutionen gewesen zu sein, wird von seinen eigenen Nutzern in die Knie gezwungen.

1 Kommentar:

  1. Zunächst: Man kann austreten. Sogar so, dass nix mehr von dem übrig bleibt, was man mal gepostet o.ä. hat. Dazu ist allerdings ein Antrag nötig.

    So, wie ich das verstanden habe, ist der Unmut vielmehr, dass man gezwungen wird, die Chronik zu verwenden und keine Wahl hat (und ja, dass man dann Informationen zusätzlich preisgeben muss). Daran ist allerdings auch nur neu, dass man diesmal vorab von einer Änderung erfährt und nicht wie sonst über Nacht vor einer völlig neuen Seite sitzt, mit deren Bedienung man sich erst mal vertraut machen muss.

    Das, was ich an der neuen Chronik doof finde, ist, dass sie so wahnsinnig unübersichtlich ist. Aber das scheint wohl die Politik des Zuckermarks zu sein: Mit jeder Neuerung ein Stückchen weg von der Nutzerfreundlich- und Übersichtlichkeit.

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